Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.05.2024 - Bühne

Ariadne auf Naxos am NTM. Foto: Christian Kleiner.
Auf ins Nationaltheater Mannheim, ruft die begeisterte Judith von Sternburg (FR), nachdem sie Yona Kims Inszenierung der Hofmannsthal- und Strauss-Oper "Ariadne auf Naxos" gesehen hat. Detailreich und aufwendig werden die Fragen gestellt, die das Stück seit jeher umtreiben, etwa nach der "Verwandlung", die in diesem Fall den möglichen nahenden Tod von Ariadne meint: "Ja, es gibt eine Verwandlung und in Mannheim schaffen sie das, indem sie sich auf das Finale der Oper voll einlassen. Auch die Kostüme verwandeln sich, vom Jahr 2024 ins Rokoko, aber es wird klar, dass das schön, aber bloß Dekor ist. Kein Dekor ist die Liebe, die Ariadne und Bacchus jetzt voll erwischt. Das ist in dieser Ironiefreiheit eine Seltenheit. (...) Die Primadonna und der Tenor sind im Vorspiel wie immer wenig helle. Aber sie werden nun verwandelt, und die Regie schlägt sich auf ihre Seite, wie sich auch Strauss' Musik auf ihre Seite schlägt. Ohne Peinlichkeit und Pathos."

In der Komischen Oper steht "Le Nozze de Figaro" in der Inszenierung von Kirill Serebrennikov auf dem Spielplan und einiges ist anders, modernisiert und dürfte den Opern-Traditionalisten möglicherweise missfallen, so Berthold Seliger im Neuen Deutschland, der an den Neuerungen durchaus viel Freude findet: "Die große Änderung neben der Zurschaustellung des Klassengegensatzes ist die Doppelung beziehungsweise das Splitting des Cherubino in zwei Figuren. Natürlich ist diese Hosenrolle für einen Mezzosopran immer etwas merkwürdig - Cherubino ist ja 'das sexuelle Zentrum der Oper' (...) Serebrennikov löst dieses Problem dadurch, dass er Cherubino zu einem Taubstummen macht, dessen Gebärdensprache nur von seiner 'Antithese', nämlich Cherubina, verstanden wird. Wir erleben Georgy Kudrenko als Tänzer, der sich und seine Gefühle nur körperlich ausdrücken kann (aber wie intensiv ihm das gelingt!), während die ihn liebende Susan Zarrabi ihn gewissermaßen übersetzt." Seliger resümiert: "Ich weiß nicht, ob Serebrennikov mit seiner Aussage, 'dass das Genre der Oper heute eine tiefgreifende Überarbeitung seitens der Regie und der Dramaturgie erfordert', grundsätzlich recht hat. Aber wenn die Modernisierung einer Oper aus ihrem Geist heraus erfolgt, wie in diesem herrlichen 'Figaro' an der Komischen Oper, dann spricht nichts, aber auch gar nichts dagegen."

Weiteres: Das Programm der neuen Spielzeit am Berliner Ensemble steht, der Tagesspiegel stellt Highlights vor, auch die Berliner Zeitung schaut schon einmal ins Programmheft und entdeckt Spannendes von Frank Castorf bis Sophie Passmann. Ein offener Brief von Drama Panorama, dem Forum für Theater und Übersetzung und dem Verbund der Theaterautor:innen fordert mehr Aufmerksamkeit für die Übersetzerinnen und Übersetzer, die Nachtkritik berichtet. Sie hat zudem einen Liveblog für das Berliner Theatertreffen eingerichtet, das gestern Abend gestartet ist.

Besprochen werden: Ein "Falstaff" in Wiesbaden, "Die Guten" von Rebekka Kricheldorf am Stadttheater Fürth (Nachtkritik) und Florentina Holzingers Inszenierung der Hindemith-Oper "Sancta Susanna" am Staatstheater Schwerin (Neue Musikzeitung).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.05.2024 - Bühne

Heute beginnt das Berliner Theatertreffen. Simon Strauß freut sich in der FAZ auf die Auswahl: "Der Andrang auf die Karten ist groß, die Lust auf Schauspiel nimmt neue Fahrt auf. Das liegt sicher auch an der diesjährigen Auswahl der Inszenierungen, die seit Langem einmal wieder mit einem ausgewogenen Mischverhältnis zwischen erzählerischem Schauspieltheater und freischwingender Problempointenperformance aufwartet, also das tut, was sie tun sollte: Sie bildet die Breite des deutschsprachigen Theatergeschehens ab." Auch Rüdiger Schaper bejubelt im Tagesspiegel "eine Vielfalt, wie es sie wohl lange nicht gegeben hat". Ebenfalls im Tagesspiegel porträtiert Patrick Wildermann Nora Hertlein Hull, die neue Leiterin des Theatertreffens.

Stark ist auch die diesjährige Ausgabe des FIND-Festivals an der Berliner Schaubühne, freut sich Christoph Weissermel in der FAZ. Unter anderem hat ihn Alexander Zeldins "Confessions" überzeugt: "Das Publikum umringt hyperrealistisch gehaltene Bühnenbilder mit ranzigen Wänden, Notausgangsschildern und dürftigem Plastikmobiliar, die sich mal zu Flüchtlingsheimen, mal zu Fleischfabriken fügen. Eine Programmatik des ästhetischen Verzauberungsverzichts, aus dem menschliche Wärme umso herzlicher hervor glimmt. Fast in Echtzeit erzählt Zeldin von den Zumutungen des Alltags unter widrigsten Bedingungen, wenn unverschuldet verpasste Amtstermine oder fehlende Therapieplätze existenzielle Katastrophen bedeuten."

Münchner Kammerspiele: Asche © Maurice Korbel

In den Münchner Kammerspielen wurde ein neues Elfriede-Jelinek-Stück gegeben. "Asche" heißt es, aber was erwartet das Publikum? Zeit-Autor Michael Skasa zufolge: "Verstörte Trauer, krachende Slapsticks droben auf der Bühne, wo das Darstellergrüppchen sich in Liegestühlen verheddert, Müll und Plaste auf Sonnenstrände kippt und darin krault, wo eine Badenixe im Sturmwind mit dem Riesenschirm pirouettiert, Krankenbetten reinrollen und Tabletten über die Siechen gekippt, Theogonie und Apokalypse debattiert werden, wo die Geräuschorgien über einsam Singende triumphieren und Brueghel und Bosch einen Garten der Unlüste, vielleicht auch bloß ein kindliches Wimmelbild malen."

Weitere Artikel: Hugh Morris befragt im Van-Magazin die Schauspielerin Sarah Connolly dazu, warum sie sich dazu entschlossen hat, die Hauptrolle in einer saudi-arabischen Oper zu übernehmen. Für die taz interviewt Gabriele Lesser Elżbieta Ficowska, deren Musical "Irena" im Berliner Admiralspalast zu sehen ist. In der Welt unterhält sich Jakob Hayner mit der Regisseurin Rieke Süßkow.

Besprochen werden ein Ballettabend von Alba Castillo und Roy Assaf im Mannheimer Altes Kino Franklin (FR), ein Ballettabend von Marcos Morau und Chrystal Pite in der Berliner Staatsoper (FAZ), die performative Installation "Warten auf die Barbaren" im Volkskundemuseum Wien (Standard), Miriam Ibrahims Adaption von Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum" am Theater Dortmund (taz), Saburo Teshigawaras "Tristan und Isolde" am Luzerner Festival "Steps" (NZZ) und William Shakespeares "Viel Lärm um nichts" am Brandenburger Theater (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.04.2024 - Bühne

Szene aus "Tannhäuser" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.

"Schräg" findet Judith von Sternburg die Grundidee der "Tannhäuser"-Inszenierung von Matthew Wild an der Oper Frankfurt. In Wilds Version ist Tannhäuser homosexuell, was zwar keine schlechte Idee ist, weil das seine Außenseiterposition hervorhebt, meint von Sternburg. Die Inszenierung begibt sich damit aber in ein Dilemma, darin bestehend, "dass Tannhäuser sich seine Homosexualität nicht nur von seinem Umfeld als unverzeihliche Sünde vorwerfen lassen muss, sondern bekanntlich auch selbst von Reue ganz zerknirscht ist ..." Dennoch kann Sternburg der Inszenierung einiges abgewinnen: Vor allem Herbert Barz-Murauers Drehbühnenbild, das die Zuschauer in eine US-Universität Anfang der Sechziger versetzt, hat es ihr angetan: "Beim Weiterdrehen zeigt sich der steile, schlichte Hörsaal, in dem der Sängerwettstreit stattfinden wird (wie von Thomas Guggeis schon angekündigt, ist das alles extrem sängerfreundlich, ein gewaltiger und gewaltig gut genutzter Vorteil, keine Schreierei nirgends)." FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist mit der Inszenierung nur so halb glücklich: Zu viele Klischees über Homosexualität - dafür aber ein Chor in "Höchstform".

Besprochen werden Falk Richters Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Asche" an den Münchner Kammerspielen (taz, Welt), Cathy Marstons Ballettversion von Ian McEwans Roman "Atonement" am Opernhaus Zürich (NZZ), Tobias Kratzers Inszenierung von Richard Strauss Ehekomödie "Intermezzo" an der Deutschen Oper Berlin (FAZ), Bastian Krafts Inszenierung von Bernard Shaws Stück "Pygmalion" (SZ) und Jan-Christoph Gockels Inszenierung "Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod" am Deutschen Theater Berlin (FAZ, taz), Marcos Moraus Choreografie "Overture" am Staatsballett Berlin (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.04.2024 - Bühne

Szene aus Romeo Castelluccis Inszenierung von Mozarts Requiem am Theater Basel. Foto: Ingo Höhn.

Wie inszeniert man eine Totenmesse? NZZ-Kritiker Christian Wildhagen ist gespannt auf Romeo Castelluccis Aufführung von Mozarts Requiem am Theater Basel. Und ist verblüfft, dass er hier entgegen aller Erwartungen ein "Fest des Lebens" zu sehen bekommt: "Ein Bild bleibt besonders haften: Ein junges "Mädchen wird in einem vieldeutigen Initiationsritual mit Farben, Honig, Asche und Federn überschüttet - man könnte auch sagen: fürs Leben imprägniert. Die Farben und die Asche wiederum verwandeln sich in Kunst, tauchen nachfolgend als beredte Symbole in wechselnden Kontexten wieder auf, etwa als Teil eines Action-Paintings auf der weißen Bühnenrückwand. Auch sonst wird das Geschehen immer bunter, so bunt wie das Leben selbst gewissermassen - hier tanzt man Bäumchen-wechsel-dich unterm Maibaum, dort gruppiert man sich um einen nackten Jüngling, vielleicht den heiligen Sebastian, zum Tableau vivant."

Szene aus Falk Richters Inszenierung von "Asche" an den Münchner Kammerspielen. Foto: Kammerspiele München.

Eine Totenklage der anderen Art bekommt Christine Dössel bei Falk Richters Uraufführung von Elfriede Jelineks Text "Asche" an den Münchner Kammerspielen zu hören und vor allem zu sehen. Jelinek verarbeitet in ihrem Text die Trauer um ihren verstorbenen Mann - ein persönlicher Untergang, so verheerend, dass sie das Ende der Welt gleich mitgedacht hat, weiß Dössel. Und Richter fährt für dieses apokalyptische Trauer-Szenario alle visuellen Geschütze auf, so Dössel: "Auf der Endzeit-Bühne von Katrin Hoffmann befindet sich ein Fels aus vulkanischem Gestein mit einer Satellitenschüssel drauf, deren Antenne manchmal glüht und funkt. Dahinter ein Rundhorizont mit Torbögen. Er dient als Leinwand für das visuelle Projektionsfeuerwerk, das der Videokünstler Lion Bischof zündet: Bilder von aztekischen und ägyptischen Tempeln, von Berglandschaften, Säulen und Ruinen, von Heuschrecken- und Plastikflaschenplagen. ... Zwischendurch scheinen diese Bilder schier zu explodieren. Es ist eine Video-Apokalypse. Ein Inferno aus Feuer, Erde, Wasser, Luft, den vier Elementen, denen Jelinek in ihrem Text wie einer Spur hin zu einem Ursprung folgt." Im Standard hebt Margarete Affenzeller vor allem die Leistung der Schauspieler hervor.

Weitere Artikel: Katja Kollmann beschäftigt sich in der taz mit dem britischen Regisseur Alexander Zeldin, dem das Berliner Theater Festival FIND dieses Jahr einen Schwerpunkt widmete.

Besprochen wird Oliver Frljićs Inszenierung von George Orwells Roman "Farm der Tiere" am Schauspiel Stuttgart (nachtkritik), Bastian Krafts Inszenierung von Bernards Shaws Drama "Pygmalion" am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik), Enrico Lübbes Inszenierung von Georg Büchners "Woyzeck" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik, FAZ), Miriam Ibrahims Adaption von Sharon Dodua Otoos Roman "Adas Raum" am Theater Dortmund (nachtkritik), David Hermanns Inszenierung der Dostojewski-Oper "Der Doppelgänger" von Lucia Ronchetti und Katja Petrowskaja bei den Schwetzinger Festspielen (FAZ, FR), Kirill Serebrennikovs Inszenierung der Mozart-Oper "Le nozze di Figaro" an der Komischen Oper Berlin (SZ, tsp, taz, nmz), Olivia Hyunsin Kims Stück "Baby I'm sick tonight" in den Sophiensälen Berlin (taz) und Milo Raus Inszenierung von "Antigone im Amazonas" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.04.2024 - Bühne

Szene aus "RCE" am Berliner Ensemble. Bild: Marcel Urlaub

Nachtkritikerin Frauke Adrians ist schier überwältigt: Kay Voges hat Sibylle Bergs 700-Seiten-Systemumsturz-Spektakel "RCE" für das Berliner Ensemble auf siebzig Minuten gekürzt und herausgekommen ist ein alle Theater-Sehgewohnheiten sprengendes Techno-Wunderwerk samt KI-Filmsequenzen, schwärmt der Kritiker: "Fünf Erzähler/Avatare/Nerd-Darsteller schweben in einer begeh- und erklimmbaren Wabe durch Hochhausschluchten und durchs All, durch Raum und Zeit; fünf Fleißbienchen mit Weltenretter-Impetus. Sie sprechen und rappen ihren Part - mal mit ausdruckslosen Computerstimmen, mal emotional gefärbt in Wahlkampf-Sound - nach strikter Zeitvorgabe über exakt eine Stunde und zwölf Minuten: Damit Text, Musik und KI-generierte Bilder haargenau aufeinander passen, bekommen die Schauspieler ihre Texte via Kopfhörer aufs Ohr und sprechen exakt mit, als uniforme Mensch-Maschinen." Dieser Abend "zieht visuell mitreißend in ein Rabbit-Hole der Algorithmen, wo die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine nicht mehr so leichtfällt", kommentiert Patrick Wildermann im Tagesspiegel.

Szene aus "Intermezzo". Bild: Monika Rittershaus

Exakt hundert Jahre nach ihrer Uraufführung feiert Richard Strauss' autobiografische Oper "Intermezzo" über die Abgründe (s)einer Ehe Premiere an der Deutschen Oper Berlin, inszeniert hat Tobias Kratzer, und zwar erstaunlich werktreu, meint Helmut Mauro in der SZ: "Kratzer hat die Oper dort gelassen, wo sie angesiedelt ist, hat sich aufs elegant Komische konzentriert und sich für eine gepflegte Gesellschaftskomödie entschieden, die sich aber im Privaten erschöpft." Ähnlich urteilt Judith von Sternburg in der FR: "Man muss 'Intermezzo' nicht wichtiger machen, als es ist, aber es ist gut, eine große und durchtriebene Produktion dieses unterschätzten Strauss-Projekts zu sehen." Hingerissen von Kratzers "Instinkt für das Loriothafte der Wirklichkeit" ist hingegen nmz-Kritiker Joachim Lange. Und auch die "parlierende Intermezzo-Musik" ist für "Liebhaber des schwelgerischen Richard-Strauss-Tons ist ein Fest", jubelt er: "Eines, bei dem man an einer üppig gedeckten musikalischen Tafel, den Verwandten und Bekannten begegnet, die man gerne von Zeit zu Zeit wiedersieht bzw. hört. Aufbruch zu neuen Ufern oder Einbruch der Turbulenzen der Gegenwart gibt es anderswo."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung blickt Stella Tringali auf vierzig Jahre Friedrichstadt-Palast zurück. Für die taz porträtiert Katrin Bettina Müller die Schauspielerin Lina Beckmann, die in Karin Beiers Inszenierung von Ronald Schimmelpfennigs Stück "Laios" beim Berliner Theatertreffen zu sehen sein wird. Rita Argauer wirft in der SZ einen Blick auf das Programm der Tiroler Festspiele Erl unter dem neuen Intendanten Jonas Kaufmann. Ebenfalls in der SZ trifft Marlene Bock die Gender-Performerin Bridge Markland, die das Münchner "Go Drag!"-Festival kuratiert.

Besprochen werden Johan Simons Inszenierung von Eugène Ionescos "Die kahle Sängerin" am Schauspielhaus Bochum (FAZ, SZ), die Ausstellung "Wilfried Hösl: Bühnenwelt - Weltbühne" an der Bayerischen Staatsoper (SZ), Rafael Sanchez' Inszenierung von Nora Abdel-Maksouds Stück "Jeeps" am Theater Essen (nachtkritik), Yana Eva Thönnes' Inszenierung von Unica Zürns Stück "Dunkler Frühling" am Zürcher Theater am Neumarkt (nachtkritik), Jan Christoph Gockels Inszenierung von "Der Schimmelreiter / Hauke Haiens Tod" nach der Novelle von Theodor Storm und dem Roman von Andrea Paluch und Robert Habeck am Deutschen Theater Berlin (nachtkritik) und der dreistündige René-Pollesch-Gedenkabend an der Berliner Volksbühne (Offen bleibt sowohl die Frage, was aus Polleschs Stücken wird, hat er doch verfügt, dass andere Regisseure seine Texte nicht nachinszenieren, sowie die Frage, wer künftig die Intendanz übernehmen wird, schreibt Peter Laudenbach in der SZ. Weitere Besprechungen in taz, FAZ und Welt, mehr hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.04.2024 - Bühne

Zwei Monate nach dem plötzlichen Tod von René Pollesch (unser Resümee) haben sich seine Wegbegleiter von ihm verabschiedet. Rüdiger Schaper erlebte im Tagesspiegel "eine Trauerfeier, vielleicht doch eher eine Trauerparty. Surreales, komisches, ergreifendes Spektakel: Das konnten sie an der Volksbühne schon immer. Und hier war es wie eine Energieausschüttung. Die kommenden Monate, Jahre werden schwer. Ein Nachfolger, eine Nachfolgerin ist nicht in Sicht." Florentina Holzingers Rückblick war für Schaper einer der Höhepunkte: "Wie er immer für sie da war, für ihre verrückten Performances. Warum sie ihn für Jesus hält." Auch Ulrich Seidler ist in der Berliner Zeitung wehmütig und froh zugleich über den würdigen Abschied: "Viel ist von Zeitanhalten, von Alleingelassensein und von Berappeln die Rede und mindestens einen Alarmruf gibt es in Richtung Kultursenator Joe Chialo, der jetzt hier bloß nichts kaputt machen soll, weil es sich an diesem Abend doch noch so heil und zusammen und gegenwärtig anfühlt, und auch ein bisschen zu klein und zu eng für die Ewigkeit und die Leere, in die Pollesch vorausgegangen ist." In der nachtkritik schreibt Christine Wahl.

"My Little Antarctica." Foto: Julie Cherki.



Nachtkritikerin
Esther Slevogt sieht mit "My Little Antarctica" eines der Highlights des diesjährigen FIND-Festivals an der Schaubühne: "Vom intellektuellen Kältetod Russlands" erzählt das Stück des KnAM-Theaters, das bei seiner Gründung 1985 das erste freie Theater der Sowjetunion war, aber seit dem Angriffskrieg auf die Ukraine im Exil ist: "Im Zentrum des Stücks stehen (per Video eingespielte) Interviews mit Bewohnern der Stadt Komsomolsk am Amur, die - geprägt von der sie umgebenden Taiga und sechsmonatigen Wintern mit Temperaturen um minus 40 Grad - am östlichen Ende Russlands gelegen ist. Hier war auch der Sitz des KnAM Theaters. Die Stadt entstand als Teil des Gulag-Systems mit seinen Straflagern, weshalb das Gros seiner Bewohner entweder von Wachpersonal oder einstigen Inhaftierten abstammt. Trotzdem wollen viele diese Geschichte nicht wahrhaben und beharren bis heute darauf, die Stadt sei in den 1930er Jahren von einer Gruppe idealistischer Jungkomsomolzen gegründet worden: Ein Junge etwa zweifelt die Echtheit der Dokumente an, auf die sich der Interviewer bei seinen Fragen über die stalinistische Terrorgeschichte des Orts bezieht. Eine alte Frau gibt offen zu, alles gewusst, ihre Familie aber gezielt belogen zu haben." Slevogt resümiert: "Diese Unfähigkeit, weder Schmerz noch Glück empfinden zu können, und sich damit auch gegen jede Veränderung zu immunisieren, wird als eine Art Grundsymptom aus dem Erbe des Stalinismus beschrieben." Auch Katja Kollmann zeigt sich in der taz überzeugt.

An der Staatsoper München laufen die Verträge von Intendant Serge Dorny und Dirigent Wladimir Jurowski aus (unser Resümee), die Gerüchteküche brodelt, wer wohl die Nachfolge übernehmen wird, die Namen Viktor Schoner und Joana Mallwitz tauchen immer wieder auf. Axel Brüggemann fasst für Backstageclassical den Stand der Debatte zusammen und konstatiert vor allem ein Versagen der bayrischen Kulturpolitik unter Minister Blume: "Hätte der Minister einen Wandel an der Staatsoper gewollt (was man durchaus argumentieren könnte), hätte er längst andere Kandidaten anfragen müssen, vielleicht sogar Leute wie Schoner - aber das hat Blume verpasst. Nun drängt die Zeit, und der Politiker wird von den Kandidaten, die öffentlich ins Gespräch gebracht werden, bloßgestellt. Wenn in diesen Tagen sowohl Mallwitz als auch Schoner erklären, dass es keine Gespräche mit Blume gegeben habe, fragt man sich: 'Warum denn nicht?'" Im Backstageclassical-Podcast äußert sich auch Regisseur Barrie Kosky zu dem Thema.

Weiteres: Die FR interviewt die Schauspielerin Valery Tscheplanowa zu Russland und ihrem Verhältnis zu Theater und Film. Besprochen werden: Wagners "Die Meistersänger von Nürnberg" am Teatro Real in Madrid (Welt) und "Zentralfriedhof" in der Inszenierung von Herbert Fritsch am Wiener Burgtheater (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.04.2024 - Bühne

 Szene aus "The Confessions", Probe. Foto: © Gianmarco Bresadola  

Aktuell zeigt das Festival Internationaler Neuer Dramatik an der Berliner Schaubühne, FIND, eine Werkschau des 38-jährigen britischen Autors und Regisseurs Alexander Zeldin. In der SZ ist Peter Laudenbach einfach hingerissen: Keine Effekte, kein Kalkül, sondern eine "Schule der Empathie" bekommt er zu sehen, ganz gleich, ob Zeldin in "The Confessions" die Lebensgeschichte samt Vergewaltigung seiner Mutter erzählt oder in der "Trilogie der Ungleichheit" Menschen am "unteren Ende der Klassengesellschaft" porträtiert: "Für 'Beyond Caring', dem ersten Stück der Trilogie, das die Putzkolonne eines Schlachtbetriebs bei der Nachtschicht zeigt, hat Zeldin mit Gewerkschaftern und Arbeitern gesprochen, und natürlich war er auch selbst in Schlachtbetrieben. Um die Schmutzecken einer harten Klassengesellschaft möglichst genau und ohne ideologische Besserwisser-Parolen auszuleuchten, will Zeldin erst mal die Leute und ihr Leben kennenlernen, von denen er erzählt. (...) So lernt man Respekt vor harter Maloche und verlässt zumindest für einen Arbeitstag die gerne wohlfeil beklagte Bubble des eigenen Milieus."

Weiteres: In der FAZ resümiert Lotte Thaler das kulturpolitische Debakel am Staatstheater Kassel um den Intendanten Florian Lutz, dessen Vertrag trotz massiver Beschwerden des Orchesters verlängert wurde und der sogar versuchte, Einfluss auf die Presse zu nehmen. Im VAN-Gespräch blickt der scheidende Direktor der Lyric Opera in Chicago Anthony Freud auf den amerikanischen Kulturbetrieb. Ebenfalls im VAN-Magazin erzählt Katja Petrowskaja von der Arbeit an ihrem ersten Opernlibretto frei nach Dostojewskis "Doppelgänger". Besprochen wird das Stück "Im Osten was Neues" des polnischen Regisseurs Łukasz Ławicki am Oldenburger Staatsschauspiel (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.04.2024 - Bühne

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Die in Russland geborene Schauspielerin Valery Tscheplanowa hat im letzten Jahr einen von der Kritik gelobten biografischen Roman veröffentlicht, nun ist sie in Ulrich Rasches "Nathan"-Inszenierung zu sehen, die das Berliner Theatertreffen eröffnet. Im Gespräch mit der Berliner Zeitung erklärt sie, weshalb sie als Tartarin nicht mehr als "russisch" bezeichnet werden will und warum es ihrer Meinung nach keine russische Nation, sondern nur eine "Ansammlung von zig Kulturen unter einem imperialen Dach" gibt: "Es gab diesen Landstrich der Wolgabulgaren um Kasan herum zum Beispiel, da herrschte Religionsfreiheit, auch da ging die Goldene Horde auf Streifzug und eroberte Riesengebiete. So entstand dieses unendlich weite Land. Die ganzen Nationen wurden einfach überdeckt, es gibt da viele Volksgruppen, die asiatisch geprägt sind, die viel enger mit Türken oder Mongolen verwandt sind als mit Slawen. Das Russische, das man mit Dostojewski, Tschaikowski, Moskau und St. Petersburg verbindet, betrifft nur den kleinsten Teil dieses zusammengeraubten Reichs." Putin nutze die Naivität vieler Russen aus, ergänzt sie: "Diese Naivität speist sich aus der zaristischen und kommunistischen Geschichte und aus der Religiosität. Der Weg daraus könnte über die Emanzipation der Menschen führen, dabei könnte das Bewusstsein einer eigenen Nationalität und Sprache vielleicht helfen."

Szene aus "ROM". Bild: Marcel Urlaub

Shakespeares Römertragödien "Titus Andronicus", "Coriolanus", "Julius Caesar" und "Antonius und Kleopatra" hat die Autorin Julia Jost zu einem Stück mit dem Titel "ROM" modernisiert zusammengefügt, Luk Perceval hat es nun auf die (Dreh-)Bühne des Wiener Volkstheaters gebracht und nicht nur FAZ-Kritiker Martin Lhotzky ist enttäuscht: "Natürlich hat es durchaus etwas mit unserer Gegenwart zu tun, wenn man dabei zuschauen und zuhören darf, wie Macht zu Korruptheit führt, wie sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Kinder grausam ausgelebt wird, welche furchtbaren Folgen Kriege haben. Allerdings wären solche Erkenntnisse auch schon beim Poeten aus Stratford-upon-Avon selbst zu erspähen. Dafür braucht es keine Überschreibung. Am Ende wirkt ROM eher wie eine szenische Lesung als ein Drama." Ähnlich urteilt Jakob Hayner in der Welt, der in diesem düsteren "Bilderreigen" immerhin ein paar Höhepunkte ausmacht, etwa den Wasserringkampf zwischen Kleopatra und Antonius: Wie sie "wortlos miteinander ringen, sich an die Wand und ins Wasser werfen, Arme und Beine umeinanderschlingen, drücken und ziehen, ist ein ergreifendes Bild von zärtlicher Brutalität. Ist das noch Kampf oder schon Sex?"

Weitere Artikel: Am Sonntag feiert der "Tannhäuser" unter dem Dirigat von Thomas Guggeis an der Oper Frankfurt Premiere. Im FR-Interview spricht Guggeis über die Tücken der Aufführungspraxis des 19. Jahrhunderts, die Bedeutung des Musiktheaters und die "Wunderwelten" des Tannhäuser. In der NZZ rauft sich Paul Jandl die Haare über Dieter Hallervorden, der unter anderem Hamas-Propagandavideos postet. Im Standard wirft Margarete Affenzeller einen Blick auf das neue Programm des Wiener Burgtheaters unter dem designierten Direktor Stefan Bachmann. Nachtkritiker Martin Thomas Pesl kommentiert dazu: "Alle atmen erleichtert auf, weil Kušej weg ist und sie noch da sind, also empfangen sie die Neuen mit offenen Armen. Wie interessant oder gar innovativ das Theater wird, das aus diesem Burgfrieden hervorgeht, scheint dabei zunächst zweitrangig."

Besprochen werden Ricard Soler Mallols Oper "Ali" am Brüsseler Opernhaus La Monnaie/De Munt (SZ), Ewald Palmetshofers Inszenierung von Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang" am Theater Bremen (taz), eine Aufführung der Oper Poznan von Stanislaw Moniuszkos Oper "Das Gespensterschloss" an der Berliner Philharmonie (Tsp) und die Ausstellung "Opera Meets New Media - Puccini, Ricordi und der Aufstieg der modernen Unterhaltungsindustrie" im Bertelsmann-Sitz Unter den Linden (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.04.2024 - Bühne

Szene aus "Zentralfriedhof" am Volkstheater Wien. Foto: Matthias Horn.

"Es lebe der Zentralfriedhof!", singt FAZ-Kritiker Simon Strauß in Einstimmung auf Herbert Fritschs neues Stück am Burgtheater in Wien. Während Wolfgang Ambros damals noch "die Melancholie eines nächtlichen Grabstättenbesuchs auf sympathisch-mitreißende Weise mit der engagierten Utopie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" verband, zieht Fritsch angesichts politischer Desillusionierung "keine moralischen Schlüsse" mehr, erklärt Strauß: "Deshalb, als letzte Hoffnung: das freie, stumme Spiel. Fritsch hat sich bei seinem Friedhofsbesuch vor allem in die Totengräber verliebt, jene sagenumwobene Berufsgruppe, für die das letzte Geleit zu geben tägliche Verpflichtung ist. Bei Fritsch treten die Bestattungshelfer als komödiantische Combo auf, als elfköpfiges Ensemble, das sich dem Tod so widmet, als wäre er nur eine Seite der Medaille. Und auf der anderen stünden: ausgelassenes Leben, verrückte Zufälle und überbordende Spiellust."

Weitere Artikel: nachtkritikerin Laura Strack berichtet vom lautstarken Protest der Italiener gegen die undemokratisch entschiedene Einsetzung des umstrittenen Kandidaten Luca De Fusco als Intendant der Stiftung "Teatro di Roma". Tom Mustroph war für die taz beim Theaterfestival "FIND" an der Schaubühne in Berlin, für die nachtkritik berichtet Esther Slevogt. Ebendort denkt Wolfgang Behrens darüber nach, was es bedeutet, wenn schon produzierte Theaterstücke nicht auf die Bühne kommen.

Besprochen werden eine Kombiinszenierung der Opern "Ohne Blut" von Péter Eötvös und "Herzog Blaubarts Burg" von Béla Bartók am Theater Osnabrück, inszeniert von Ulrich Mockrusch (FAZ), Luk Percevals Shakespeare-Projekt "Rom" am Volkstheater Wien (SZ), Tiago Rodrigues Stück "Catarina und von der Schönheit Faschisten zu töten" am Schauspiel Frankfurt (Welt), Reinhard Hinzpeters Inszenierung von Ingeborg Bachmanns "Das dreißigste Jahr" am Freie Schauspiel Ensemble Frankfurt (FR) und Adel Abdessemeds Inszenierung von Olivier Messiaens Oper "Saint François d'Assise" am Grand Théâtre de Genève (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.04.2024 - Bühne

Szene aus "Die Ehe der Maria Braun" am Schauspiel Frankfurt. Foto: Birgit Hupfeld.

Einen Fassbinder-Film auf die Bühne bringen? Judith von Sternburg hat in der FR einige Bedenken. Und so ganz kann Lilja Rupprechts Adaption von "Die Ehe der Maria Braun" am Schauspiel Frankfurt diese auch nicht zerstreuen. Dazu hat Sternburg doch viel zu sehr die grandiose Vorlage im Kopf, die das Schicksal von Maria und gleichzeitig deutsche Geschichte vom Ende des Krieges bis Mitte der Fünfziger Jahre erzählt. Aber, es gibt dann noch ein "kleines Wunder" für die Kritikerin und das Theater kann sich mit seinen eigenen Mitteln behaupten: "So. Und dann kommt die Szene, in der Maria für ihren neuen Arbeitgeber mit einem Ami verhandelt. Rupprecht blendet nicht weg (aber Text gibt es auch nicht), sondern sie lässt Manja Kuhl tanzen und der Ami, Michael Schütz, tanzt gleich mit, und der Unternehmer und Geliebte in spe, Sebastian Reiß, tanzt dann auch mit, und schließlich tanzen alle nach Marias ziviler Pfeife. Und da ist auf einmal eine Leichtigkeit, die nicht läppisch ist, sondern bezaubernd."

Auch Sandra Kegel ist in der FAZ zufrieden mit diesem Theaterabend: "Die Inszenierung ist ideenreich, es wird gesungen und getanzt, mit in den Fünfzigerjahren aus Amerika importierten Hula-Hoop-Reifen hantiert und mit Sitzbällen, die zur Weltmetapher werden im beginnenden Kalten Krieg. Trotz aller Showeinlagen aber steht im Vordergrund der Text."

Weitere Artikel: Zum hundertsten Todestag von Giacomo Puccini zeigt Bertelsmann in Berlin die Multimedia-Ausstellung "Opera Meets New Media - Puccini, Ricordi und der Aufstieg der modernen Unterhaltungsindustrie"(gelungen", in "ihrer virtuellen Fülle allerdings überbordend" findet Manuel Brug in der Welt - Clemens Haustein bemängelt in der FAZ hingegen, dass hier der erfolgreiche Geschäftsmann zu sehr in den Vordergrund rückt und der Künstler ins Hintertreffen gerät.)

Besprochen werden Luk Percevals Inszenierung von "Rom" nach Shakespeare in einer Fassung von Julia Jost am Volkstheater Wien (nachtkritik), Toshiki Okadas Inszenierung seines Stücks "Home Office" am Düsseldorfer Schauspielhaus (nachtkritik), Jan Friedrichs Inszenierung von "Romeo und Julia … oder Szenen der modernen Liebe" nach Shakespeare am Staatstheater Mainz (nachtkritik, FR), Christian Breys Inszenierung der musikalischen Komödie "Zusammenstoss" nach Kurt Schwitters und Ludger Vollmer am Theater Heidelberg (nachtkritik), das musikalische Stück "Signal To Noise" der Theatergruppe Forced Entertainment im Frankfurter Mousonturm (FR), Alexander Giesches Adaption von Tennessee Williams Roman "Moise und die Welt der Vernunft" am Zürcher Schauspielhaus (NZZ) und Stefan Puchers Inszenierung von Hermann Melvilles Roman "Moby Dick" am Münchner Residenztheater (SZ).